
Laudatio zur Ausstellungseröffnung
Was er nicht will, der kritische Zeichner Walter Hanel, das ist die Welt – wie sie nun einmal ist – verbessern. Was er tun muss, das allerdings ist die Notwendigkeit, ihr einen Spiegel vorzuhalten, in dem sie sich erkennt. Und weil Erkenntnis nach Nietzsche immer ein Stück Grausamkeit ist und Walter Hanel statt nach dem Weichzeichner zum Feder-Skalpell greift, mischt sich in die Freude über die Bravour der Zeichnung, über den unnachahmlichen Bildwitz die bittere Erkenntnis über die Wahrhaftigkeit nackter Monstrosität, die vom präzis angesetzten, diagnostischen Strich bloßgelegt wird.
Kann dann Wittgenstein noch ein Trost sein, wenn er feststellt, dass Kunst nicht Dekoration oder Darstellendes ist (letzteres müsste erörtert werden), sondern die tiefste Form der Erkenntnis? Und was folgt aus dieser Erkenntnis?
Man muss sich das einmal vor Augen führen: Da sitzt einer in seinem Atelier in Bergisch-Gladbach, trotz der Nähe zur Rhein-Metropole Köln, mehr oder weniger auf dem Land, was aber im heutigen Medienzeitalter keine Oase der Ruhe mehr bedeutet und holt die großen Ereignisse der Weltpolitik auf ein kleines Blatt Papier. Er tunkt die Feder in rabenschwarze Tusche und zeichnet sie klein, die große Welt, die Mächtigen.
Er stutzt sie auf ein konsumerables Maß, zwingt sie auf Augenhöhe mit dem immer etwas verstört wirkenden Herrn Michel Deutsch-Jedermann. Er macht sich in durchaus selbstironischer Distanz lustig, er krittelt und vergröbert, er verkürzt und übertreibt und was der satirischen Mittel mehr sind, die er so wunderbar beherrscht, um den wunden Punkt Wahrheit zu treffen, um einen drohenden Skandal aufzuspießen und um das missratene Kind politischer Entscheidungen beim Namen zu nennen. Er macht es – zugegeben – auf die feine Art, denn sein Strich ist noch im Groben von der sicheren Eleganz eines Feinzeichners, eines Linienmeisters, kurz eines Künstlers, ja eines der ganz Großen in diesem Metier.
Seine Devise: Zur Sache, Hanel! Das Schätzchen hat er sich tunlichst verkniffen. Ein Schatz aber ist in dieser Ausstellung ausgebreitet: Trophäen der Zeitgeschichte, die vom Geist, öfter noch vom Ungeist bundesdeutscher Geschichte Zeugnis ablegen, und das mit jener Dosis Humor, Spott, Satire, die in einer dunklen Melange aus tieferer Bedeutung den bitteren Beigeschmack der Erkenntnis mildert.
Wie wird man fertig mit den Geistern, die von außen auf die Blätter drängen, ungerufen, nicht beschworen? Wo sie sich tummeln auf der kleinen Bühne eines weißen Vierecks und den ersten und letzten, immer den ganz großen Auftritt, manchmal gar den Aufstand proben, ihn verstolpern oder ganz verpfuschen, wo sie versagen, ihren Text, respektive ihre Wahlversprechen vergessen oder ihre Rolle nicht füllen, wo ihnen Kollegen ein Bein stellen, das falsche Stichwort geben oder einfach zur Unzeit den Vorhang fallen lassen, wenn sie sich gerade zum großen Monolog in Positur stellen?
Diesem politischen Theater hat Hanel die bewegendsten Dramen, Humoresken, Slapstickkomödien und Operettenlibretti geschrieben. Er hat sie genüsslich ausgekostet, die Damen und Herren des politischen Ensembles in ihren ungeschminkten Allerweltsmienen ebenso wie in ihren aufgesetzten Masken und Attitüden. Die Jahre mehrten Hanels Souveränität, um mit Metapher und Zitat, mit Symbol und Witz komplexe Geschehen in eine trefflich treffende Bildergeschichte zu verpacken. Und die oftmals bittere Wahrheit in einer ironisch-sarkastischen Pointe als noch verträglich zu dosieren.
Die Jahre mehrten allerdings nicht die Zufriedenheit dieses Zeichners an seinem Tagesgeschäft. Und das lag nicht nur an der Politik allein, an der Endloswiederholung so vieler Themen, die seine Erfindungsgabe besonders strapazierten, sondern an der inneren Zerrissenheit zwischen Pflicht und Kür.
Hanel hat das Zeichnen gelernt. Er hat die Kunst der Linie als wundersames und probates Ausdrucksmittel für die Befindlichkeit des Menschen, für die Höhenflüge der Phantasie und für das Geheimnis von Existenz schlechthin erkannt und genutzt. Und an diese künstlerischen Möglichkeiten knüpft Hanel an, verstärkt und seit vielen Jahren nun schon immer intensiver. Denn der politische Karikaturist Hanel hielte es nicht aus, gäbe er dem freien Zeichner in sich nicht jenen Freiraum, der ihn atmen ließe. Hanel, der künstlerische Januskopf, den er so oft thematisierte, der den gesellschaftlichen, politischen Input, den Eingang zu einem künstlerisch gültigen Output, das heißt Ausgang führt, wo er sein ganzes prächtiges Liniengefieder spreizen kann.
Hier ist er Künstlermensch – hier darf er’s sein. Verleugnet er nun sein bisheriges Tun?
Auch Lyonel Feininger, der Schöpfer der Kinder-Kids, eines der ersten Comic-strips aus den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, der Jugendstil-Karikaturist für die Berliner Zeitung, hasste die tägliche Fron. Aber als berühmter Bauhausmeister und Maler wusste er ihr sehr wohl Dank, habe die Karikatur doch seinen Strich geprägt, ihn diszipliniert. Und auch der freie Hanel ist ohne Karikatur nicht denkbar. Und wechselt er etwa sein Thema?
Weil es viel Ungeheures auf der Welt gibt, wie schon Sophokles wusste, doch nichts so ungeheuer ist wie der Mensch, lässt Hanel dieses Sujet des Ungeheuers nicht los. Er reißt ihm die Maske der Unverbindlichkeit vom Gesicht und zeigt die Monstren, gleichsam wie gehäutete Fassaden mit gebleckten Zähnen, schmallippigen Mündern, faltenreich zerklüfteten Gesichtslandschaften unter hohen Stirnen, hinter denen sich nichts als Leere auftut oder Ungeheuer tanzen.
Und das genau sind seine Zeichnungen, wirbelnde Linientänze, in denen sich die kurzgezogenen, kurvigen, linearen Schlenker zu Köpfen versammeln, unterbrochen von hart gesetzten Geraden, die Struktur und Tektonik verantworten in den von dünnem Umrisskontur gehaltenen Porträts. Längst haben sie sich zu einer absurd-monströsen Galerie vervielfacht, in der das Menschliche und Animalische austauschbar wurde.
„Künstler sind sprachlose Philosophen“, meinte Fritz Bischoff. Aber voller Bilder, möchte ich ergänzen, und Hanel hat seiner Bildsprache ein eindringliches Alphabet geschrieben. So wird dann auch Unsagbares sichtbar und das nur Denkbare erhält Gestalt. Er knüpft dabei an große Traditionen an. Damit ist nicht nur die Kunst des Porträts gemeint, sondern ich denke an die Metamorphosen eines Doré oder die blattfüllenden Physiognomiestudien eines Hogarth.
Und natürlich bleibt Hanel auch sich selbst treu, seinem ureigenen Strich, der ihn wiedererkennbar macht. Er nutzt die atmende Leere des Blattes und zaubert fragile Linienkonstrukte, die sich in das Blatt spannen wie Insektenfühler. Er entfaltet zarte Flügel, die sich in linearer Brillanz spreizen. Andererseits schüttet er den ganzen Müll unserer Zivilisation in Zeichnungen, deren Fülle an Details atemberaubend ist.
Es ist das Tohuwabohu unserer mediengesättigten, überfütterten Zeit, das sich kaum gebändigt auf den Blättern austobt, als wolle Hanel lediglich Adorno bestätigen, der die Aufgabe der Kunst darin sieht, Chaos in die Ordnung zu bringen. Es ist allerdings ein präzises Chaos, in dem sich Hanels Ungeheuer und Disney-Lieblinge – wo ist der Unterschied? – tummeln, sehr durchdacht und in morbide Farbnuancen getränkt. Dieser chaotische Zeichenkosmos zeigt allerdings die Fragwürdigkeit einer Ordnung, in der das Subjekt zum Objekt mutiert ist.
Wie sehr Hanel dem äußeren Bildnis die innere Einzigartigkeit und Bedeutung beimengt und in dieser Verbindung seine ganz individuelle Aussage trifft, erschließt sich vor allem in den Literatenporträts. Hier sind sich Zeichner und Betrachter im gemeinsamen Wissen besonders nahe. Verstehen ist darum groß und leicht. Das mag nicht auf alle so hinreißend schrecklich geschaffenen Menschen, Masken und Monster zutreffen, doch sind sie – ausgehend von den vertrauten Antlitzen – jetzt leichter zu lesen.
Kunst muss nach Wittgenstein Unruhe stiften aber darf auch Rätsel bleiben. Und das sagt mehr als der tiefsinnig klingende Ausspruch von Karl Kraus, der sich mit dem hübsches Bonmot entlarvt, dass nämlich Kunst etwas ist, „was so klar ist, dass es keiner versteht.“
Hanels gezeichnetes Universum ist voller Unruhe, voller Rätsel, voller Wahrheit und voller Wunder.
Gisela Burkamp
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