Unverkennbar wieder erkennbar

Foto: Harald Hirsch

Verwandlung, Maskerade, die wörtlich zu nehmende lineare Vernetzung von Mensch-Tier-Geschöpfen bis hin zu den doppelbödigen Tierdarstellungen mit durchaus (un)menschlichen Charakterzügen beanspruchen im Korpus der Zeichnungen von Walter Hanel einen exklusiven Platz.

Sein Bestiarium ist kein beliebiger zoologischer Querschnitt, keine illustrierte Fabelwelt, sondern eine Raritätenschau ausgewählter Exemplare: Frosch, Krokodil, Rhinozeros, Käfer und immer wieder Vögel. Charaktere allesamt, von Hanel unendlich zartgliedrig gezeichnet, geradezu genussvoll vorgeführt in ihrer tierischen Leiblichkeit – um dann umso drastischer die trügerisch perfekte Maske des animalischen Biedermanns zu lüften und unter der perfekten Tarnung die Bestie Mensch zu entblößen.

Gezeichnet hat er von Kindesbeinen an, und richtig gelernt hat er es schließlich auch noch, das Zeichnen: Akt, Porträt, Tier- und Objektstudien, das ganze Programm. Dann wollte Walter Hanel eigentlich Maler werden. Zu seinem und zu des Zeitungslesers Glück blieb er bei Feder und Tusche, bei der linearen Kunst, um die Zeit zu glossieren und den Menschen das satirische Zerrbild ihres Tuns um so deutlicher vor Augen zu führen. Die angewandte Auftragskarikatur mithin, dazu aber immer häufiger die freien Memento-Mori-Stilleben seiner animalischen Alpträume und die jüngsten, so ganz entgeisterten, aber das Auge begeisternden Kopflandschaften, die den weiten Bildkosmos Hanels der vergangenen Jahrzehnte bevölkern.

Satirische Zeichnung von Walter Hanel
Da ist Hanels ganz besonderer Strich, der so unnachahmlich die Polit-Prominenz ins satirische Licht rückt. Nase, Augen, Mund – meist in dieser Reihenfolge, entwickeln sich die Charaktere aus ihren physiognomischen Eigenarten.

Porträts, zur Kenntlichkeit überzeichnet, nie zur Unkenntlichkeit verzerrt. Das ist Hanels Definition des „caricare“, die seine Zeichnungen von Beginn an bestimmt. Als einer der dienstältesten „Mitglieder“ wechselnder Regierungen hat Hanel sie alle unter die Feder genommen, von Adenauer bis Schröder und Merkel. Seine Genscherismen sind berühmt, seine Kohl-Köpfe Legion, seine scharfsinnigen Polit-Pointen Legende.

Der fast immer betreten dreinschauende Prototyp des Herrn Michel Jedermann musste als Zaungast des Weltgeschehens Denkmalstürze, Ringkämpfe, Streich- Quartette und Reform-Abstürze erleben, sich auf der Galeere unter der Peitsche von Finanzministern plagen oder dem Schneckentempo ökologischer Einsicht hinterher hinken. Politik verpackt als bildlich genommene Redensart, als bare Münze im Wechselkurs von Dichtung und Wahrheit – Walter Hanels Bildmetaphern haben sich auf der Netzhaut der Leser/Betrachter eingenistet. Unverkennbar wieder erkennbar.

Gisela Burkamp

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