Andreas Prüstel oder die Kunst, geduldiges Papier rebellisch zu machen.

Zuerst meine meine Lieblingsanekdote vom Stadtindianer A.P.:

Ewig auf der Suche nach neuem Monagematerial, zog ihn im Berliner Prenzlauer Berg ein riesiger Altpapiercontainer magisch an. Er schien gut gefüllt, aber noch nicht voll genug für Prüstels begrenzte Arm- und Oberkörperlänge; außerdem - vielleicht sind die wahren Schätze verborgen am tiefuntersten Grunde.

Prüstel klettert also ganz in den Container hinein, wo er sich dann laut raschelnd über den Zeitschriftenberg hermacht. Vorübergehende beschleunigen erschrocken die Schritte, machen empörte Bemerkungen über die Verkommenheit dieses Stadtviertels und die Unverschämtheit dieser Penner, die lieber arbeiten gehen sollten...

Als aber einer kommt, der seine Ladung Altpapier loswerden will, muß Prüstel protestieren, denn zugeschüttet zu werden, kann er sich nicht gefallen lassen.

Die Tiefdruck-Illustierte hat einen ganz eigenen Geruch, der vom Lösungsmittel der Druckfarbe kommt. Merkwürdigerweise unterschieden sich Ost-Produkte wie "Freie Welt", "Neue Berliner Illustrierte", "Eulenspiegel" oder "Sibylle" auch im Geruch grundsätzlich von solchen aus dem Westen, die 1990 wie eine Lawine über den Osten kamen.

Das Papier hat eine seifige Glätte, es vergilbt langsamer als Zeitungspapier. Fotografen und Journalisten liefern das Material, mit dem die Redakteure dann die Seiten vollmachen. Am Kiosk und im Supermarkt entscheidet sich wöchentlich, ob man mit Storys, Trends und vor allem dem Titel (Frauenfleisch oder Gebiss) "richtig gelegen" hat.

Für den Medienkanalarbeiter Prüstel ist alles Material zum lustvollen Schnippeln und Montieren. Tief in das Gebirge aus konfektionierter Unterhaltung und konditionierter Information treibt er seine Stollen, um an Fundstücke zu kommen, die er entsprechend seiner unerschöpflichen satirischen Einfälle neu zusammenklebt.

Dann werden sie gedruckt und kehren über den Leser in den Kreislauf zurück, um am Ende wieder im Container zu landen.

Zwischendurch aber ist etwas passiert, hat eine Arbeit stattgefunden, welche alle die bunten, wöchentlich neuen Verheißungen und Verkündigungen sehr alt aussehen läßt. Die Collage lebt wie alle grafischen Künste vom scharfen Hinsehen, klaren Denken und präzisem Handwerk: am tiefuntersten Grunde der Medienbranche ist es Kampf und Krampf um Auflage, Profit und Werbekunden, der sie so hektisch "kreativ" sein läßt. Und wenn alles bunte Tiefgedruckte längst bezahlt, verkauft und vergessen ist, bleiben Prüstels bösartige, schneidende, gnadenlose Montagen als Essenz übrig.

So gesehen ist nicht er, sondern die Medienbranche der Lieferant aus zweiter Hand; der Papiercontainer wichtiger als das schicke Verlagsbüro und die ganze schöne bunte Bilderwelt erst wirklich, wenn einer wie Prüstel sie seziert und, um ihre Abgründe und Untiefen bereichert, wieder neu zusammengesetzt hat.

Rainer Ehrt
Kollege und Freund

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