
Beim Lesen der Akten eines verurteilten jugendlichen Gewaltstraftäters frage ich mich häufig, was eigentlich eine größere Betroffenheit in mir ausgelöst hat:
War es die entsetzliche, immer wiederkehrende Brutalität mit der der Jugendliche seine Opfer gequält hat oder sind es seine häufig in der Familie durchlebten eigenen Gewalterfahrungen gewesen.
Die dramatische Entwicklung des Jugendlichen, weg vom menschlichen Miteinander, von elterlicher Geborgenheit, Fürsorge und Konsequenz, hin zum Ausgegrenzt-, zum Verlassensein und zur Gewalt als einzigste Ausdrucksform des Verhaltens im Konflikt ist erschütternd.
Aggressivität ist fast immer eine Form der Äußerung eigener Unzufriedenheit. Der Jugendliche kann nicht mehr fühlen was er tut, was er Anderen antut.
Leben wir als Erwachsene unseren Kindern nicht häufig diese Unzufriedenheit vor? Kön nen in einer Konsumgesellschaft wie der unseren Menschen wirklich noch zufrieden sein?
Aggressive Jugendliche leben nicht einfach triebhaft und lustvoll aggressive Impulse aus, sondern neben komplizierten Störungen des gesamten Persönlichkeitsbildes sind frühkindliche Entwicklungsbedingungen ursächlich für ihre Gewaltbereitschaft.
Aggressivität entsteht häufig zuerst in den Familien. Gewalt findet bereits hier ihren Ausdruck in den unterlichsten Formen. Oft zunächst verbal, vorgelebt durch die Beziehung der Eltern zueinander. Kinder erfahren Ablehnung ihrer Eltern ihnen gegenüber häufig durch Interessenlosigkeit und Nichtbeachtung.
Das Gegenteil von Liebe ist eben nicht Hass, sondern Gleichgültigkeit. In einem solchen sozialen Umfeld sind Kinder nicht in der Lage, eine Gefühlswelt aufzubauen, die Freude aber auch Trauer kennt.
Unlängst berichtete mir ein 15-jähriger Gefangener voller Stolz, dass er sich nicht daran erinnern könne, jemals in seiner Kindheit geweint zu haben...
In solchen Situationen fällt mir immer der Vergleich des Gefängnisses mit einem Krankenhaus ein. Hier und dort wird behandelt. Der einzige Unterschied besteht darin, dass im Gefängnis mit der Behandlung meistens viel zu spät begonnen wird.
Schaut man in die Biografien der gewaltbereiten Jugendlichen, fällt ihre Entwicklungsstörung häufig schon in der Schule auf. Jugendämter haben sich in der Regel über lange Zeiträume fast ausnahmslos mit ihnen beschäftigt.
Gewalttäter waren Gegenstand verschiedener polizeilicher Verfahren, Jugendrichter haben ihnen wiederholt, bevor sie die Jugendstrafe verhängt haben, andere Chancen zur Bewährung geboten. Und trotzdem sind alle Bemühungen erfolglos geblieben. Warum eigentlich, woran liegt es?
In der Jugendarbeit gibt es ein weit ausgeprägtes und gutes System des Behördenengagements. Dennoch besteht aus meiner Sicht die größte Schwierigkeit darin, den Kontakt der verschiedenen Fachgruppen und Institutionen untereinander herzustellen. Jede Berufsgruppe, jede Institution beschäftigt sich getrennt voneinander mit dem Jugendlichen, der Ent wicklungsprobleme hat. Die Vernetzung, die Abstimmung, die Kombination von Informationen und der Austausch zwischen verschiedenen Bereichen ist unzureichend. Die Zergliederung in einzelne Zuständigkeiten hindert vielfach daran, Entwicklungsstörungen bei Jugendlichen zu erkennen und rechtzeitig hierauf zu reagieren. Dies führt dazu, dass sich Wert vorstellungen verfestigen.
Schule schwänzen ist häufig das Einstiegssignal für eine kriminelle Karriere.
Arbeit im Jugendstrafvollzug ist Bildungs- und Erziehungsarbeit. Sie lebt von der Hoffnung und dem Zutrauen in die Fähigkeiten des jungen Menschen, sich weiter positiv entwickeln zu können. Der Jugendstrafvollzug muss sich, will er wirklich etwas erreichen, einem positiven, dennoch realistischem Menschenbild verpflichtet fühlen.
Dies bedeutet für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, eine Philosophie der Lernförderung zu entwickeln. Jugendliche müs sen permanent zum Lernen ermutigt werden. Keiner der Inhaftierten darf aufgegeben oder seinem Schicksal überlassen werden.
Damit steht der Jugendvollzug mit seinen Mitarbeitern in der Pflicht, einen Teil der von den Eltern versäumten Erziehung nachzuho len. Allein darin zeigt sich die Schwierigkeit der Arbeit der Bediensteten, die in der Öffentlichkeit viel zu wenig Anerkennung findet.
Wolf-Dieter Voigt
Leiter der Justizvollzugsanstalt Wriezen
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