
Täter: Jarno, 20 Jahre
Tat: Versuchter Mord in Tateinheit mit Freiheitsberaubung und schwerer Körperverletzung
Alter zur Tatzeit: 18 Jahre
Urteil: Zehn Jahre Jugendstrafe (Höchststrafe)
Haftanstalt: Justizvollzugsanstalt Wriezen
Wer Jarno sieht, könnte ihn für einen Skinhead halten. Der kurzgeschorene Schädel, die Nazisymbole, die er sich auf die Arme tätowieren ließ, sein Lonsdale-Shirt. Außerdem hält er sich beim Freigang auf dem Gefängnishof in der Ecke der Chefs auf, diejenigen, die hier das Sagen haben. Und das sind vor allem Rechte.Jarno bestreitet diesen Eindruck. Von den Rechten sei er weg, sagt er.
Der Umgang mit denen brächte nur Zoff. Ihnen lastet er es auch an, dass er zum Verbrecher wurde. Denn seine Familie wäre okay und seine Kindheit sei in Ordnung gewesen, sagt er. Sein Vater war Maurer, seine Mutter mit den zwei Kindern blieb zu Hause. Schon als kleiner Knirps war er ein Einzelgänger, leicht erregbar und aggressiv. Am liebsten wäre er immer im Kindergarten geblieben. Die Schule empfand er als bedrohlich. Die vielen Kinder, so dicht beieinander, machten ihm Platzangst.
Gleich in der ersten Klasse blieb er sitzen. Seine Aggressivität steigerte sich. Auf dem Schulhof reichte schon ein zufälliges Anrempeln, und er schlug zu. Seine Leistungen lagen weit unter dem Durchschnitt,. Bis zur fünften Klasse quälte er sich, dann fing er an zu schwänzen. Seine Eltern konnten nicht viel dagegen ausrichten. Selbst als der Vater zuschlug, änderte sich nichts. Jarno lernte eine paar ältere Jungen kennen, meist schon fertig mit der Schule, mit denen er rumhing. Morgens traf man sich und zog zu Edeka, um sich kostenfrei die Eß- und Trinkwaren für den Tag zu besorgen. Mit 13 war er das erste Mal betrunken. Zur Schule ging er überhaupt nicht mehr. Um diese Zeit verlor der Vater seine Arbeit auf dem Bau.
Die Familie zog nach Sachsen. Dort fand Jarno Anschluss bei einer rechten Truppe. Er spezialisierte sich auf Autoklau und hatte ständig mit der Polizei zu tun. Bald darauf ging die Familie zurück in das heimatliche Brandenburg.
Jarno, inzwischen fünfzehn, wurde mit großem Hallo von seinen alten Kumpels aufgenommen. Gelegentlich fuhren sie nach Potsdam, „um ein bisschen Power abzulassen“, wie sie es nannten. Immer wieder kam es zu Prügeleien, vor allem mit Punks. Jarno beschloss, sich eine Waffe zu besorgen. „Zum reinen Selbstschutz“, wie er sagt. Die Waffe, ein automatischer Revolver, kam schnell zum Einsatz. „Na klar, wozu hat man sonst so’n Ding?!“, meint Jarno. Als er sich von einem Jungen auf der Straße provoziert fühlte, verfolgte er ihn, warf ihn zu Boden und hielt ihm den Revolver an die Stirn. Er schoss nicht, er schlug nur ein paar Mal heftig zu und machte sich dann davon.
Mit der Vermutung, der andere würde ihn anzeigen, behielt er Recht. Als die Polizei zu ihm kam, hatte er sich, clever wie er war, bereits eine Schreckschusspistole besorgt und legte sie als Tatwaffe vor. Trotz allem wurde er zu sechs Monaten und zwei Jahren auf Bewährung verurteilt. Kurz darauf traktierte er einen Polizisten mit Fäusten und Stiefeln, weil der sich über zu laute Musik beschwert hatte. Er erhielt wieder Bewährung. Eine Haftstrafe von zwei Jahren, ebenfalls wegen einer Prügelei mit Körperverletzung, konnte er hinauszögern, weil er Beschwerde einlegte. Seine Straftaten, immer verbunden mit äußerster Gewalttätigkeit, häuften sich.
Seine Eltern hatten bereits alle Hoffnung aufgegeben und sagten sich von ihm los. Auch seine Freundin verließ ihn. Nur für die Kumpels war er der furchtlose Held, der mutige Rächer.
Kurz vor der Berufungsverhandlung im Januar 2001 beging er ein weiteres Verbrechen. Die Clique saß zusammen, soff und palaverte. Es ging darum, ob Theo, den sie alle kannten, jemanden von ihnen bei der Polizei angezeigt hatte. Jarno hielt es für das beste, den Jungen herzuholen und zu verhören. Theo wurde geholt. Als er mit der Antwort herumdruckste, „wurde ein bisschen nachgeholfen“, wie Jarno sagt. Theo verteidigte sich und schlug einem der Kumpels einen Zahn aus. Diese „Körperverletzung“ schrie nach Vergeltung.
Vier Stunden schlugen sie abwechselnd auf ihn ein. Jarno: „Nich immerzu. Der war ja dann auch mal bewusstlos. Wenn er bei sich war, ham wir wieder gefragt. Wenn er sich stur stellte oder mit Märchen kam, ging’s weiter.“ Dann schien Theo tot zu sein. Um ihn zu beseitigen, kam Jarno auf die Idee, ihn zu verbrennen. Der stark Verletzte kam wieder zu sich. Jarno: „Der flehte und winselte um sein Leben.
Aber einmal beschlossen, wird die Sache auch zu Ende gebracht, sonst hätte uns das Schwein wieder angezeigt.“ Sie nahmen ihn in ihre Mitte und brachten ihn auf eine nahe gelegene Pferdekoppel. Jarno und ein anderer holten von einer Tankstelle in der Nähe einen Kanister Benzin. Sie übergossen Theo damit und zünden ihn an.
Beim dritten Versuch brannte er lichterloh. Mit letzter Kraft gelang es ihm wegzulaufen und die Tankstelle zu erreichen. Jarno: „Der sah aus wie ’ne lebende Fackel.“ Ein paar der Betrunkenen setzten ihm nach, nach ein paar Metern war ihre Energie ist erschöpft. Das Urteil für Jarno: Wegen versuchten Mordes in Tateinheit mit Freiheitsberaubung und schwerer Körperverletzung wird der Angeklagte zu zehn Jahren Jugendhaft verurteilt.
In der Begründung heißt es: Die Kammer hat zugunsten des Angeklagten gewürdigt, dass er alkoholisch enthemmt war... Andererseits hat er das Gesamtgeschehen gesteuert und mit seinen Weisungen vorangetrieben... Das Maß der kriminellen Energie ist bei ihm am höchsten zu veranschlagen.
Der Fall erregte in den Medien großes Aufsehen. Presseberichten war zu entnehmen, dass das Opfer nur durch die Kunst der Ärzte überleben konnte und für immer stark entstellt bleiben wird. Seine Haut war zu achtzig Prozent verbrannt. Drei Wochen lag er im künstlichen Koma. Durch einen Luftröhrenschnitt wurde er beatmet. Sieben Operationen waren nötig, bei denen künstlich gezüchtete Haut implantiert wurde. Er wird nie wieder voll arbeitsfähig sein.
Bereut Jarno heute die Tat? „Nee, war doch ’n Verräter, hat einen von uns bei den Bullen verpfiffen.“ Tut ihm Theo leid? Kopfschütteln. Nach einer Weiler erklärt Jarno, mit seinem Leben wie es war, müsse nun Schluss sein. Er will richtige Arbeit haben und auch mal Frau und Kinder. Die Haftzeit will er nutzen und Maurer lernen. „In den Knast geh ick nie wieder, wenn ick raus bin. Das Schlimmste hier ist, dass man so weggesperrt ist."
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