
Auszüge aus der Rede von Hilmar Frank zur Ausstellungseröffnung
" ...In Wahrnehmungsschemata wird man unbewußt eingeübt, Sehen muß gelernt werden. Wie wir wissen, steht es in Deutschland nicht gut mit den Kulturtechniken des Lesens und Schreibens. Gewiß noch schlechter steht es mit der Kulturtechnik des Sehens. Sehen wird in der Schule nicht gelehrt, es scheint sich von selbst zu verstehen.
Ein großer Irrtum! Wer ein Blatt Papier nimmt, um einen Baum abzuzeichnen, merkt sofort, wie ungenau sein Sehen ist. Und noch ungeschulter, unzureichender ist der Blick auf die soziale Welt. Zumal hier der alte Spruch ganz besonders gilt: Man sieht nur, was man weiß.
Sehen ist - eigentlich - eine hochintellektuelle Aktivität.
Und um in diesem Sinne Sehen zu lernen kommen uns die Seh-Hilfen von Bogomil J. Helm gerade recht. Diese Ausstellung zeigt uns, wie jemand Anstoß nimmt an all dem, was uns zu kritikloser Konformität bringen will.
Zustandsvergötzung war übrigens ein Lieblingsausdruck unseres gemeinsamen Lehrers Wolfgang Heise, ein Begriff, der einer absoluten Verurteilung gleichkam. Denn Heise war zu Recht davon überzeugt, dass das Leben, und mehr noch als das persönliche das gesellschaftliche, nie geordnet sei, dass es vielmehr ständig geordnet werden müsse. Man könne mit dem Ordnen gar nicht mehr nachkommen.
Und dies sei nicht zuletzt die Aufgabe der Kunst. Auch Kunst ordnet, sie ordnet das menschliche Verhalten. Ein Kriterium, das ich für die Beurteilung von Gegenwartskunst nur empfehlen kann! Übrigens hat Heise nicht als erster von Zustandsvergötzung gesprochen, er hat den Begriff von Arthur Schopenhauer übernommen, wie ich viele Jahre später zufällig bemerkt habe. Ich war sehr überrascht: Wer hätte Schopenhauer einen Begriff mit dieser politischen Sprengkraft zugetraut? ..."
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