In einer offenen Gesellschaft, die um Werte und Regeln ringt, sind unterschiedliche Sichten auf welchen Gegenstand auch immer lebensnotwendig. Sie sind das Salz in der Suppe der Demokratie.
Noch Mitte März 2020 vermuteten wir, dass nach den Osterferien der Ausnahmezustand vorbei sei. Wir verschoben unsere Veranstaltungen um zwei Monate und dachten … ach es wird schon.
Nun mussten wir uns auf die neue Normalität einstellen, ob wir wollten oder nicht. Wir haben schnell reagiert, sehr viele Bücher zusätzlich ins Programm genommen, bei Online-Formaten kooperiert und selbst experimentiert. Das Wichtigste war uns, unsere Partner und viele kleine freie Träger der politischen Bildung nicht im Regen stehen zu lassen. Vieles ist uns dabei geglückt und an anderen Formaten werkeln wir noch. Aber das sind alles technische Fragen, die man irgendwie hinbekommt.
Mir als Leiterin der Brandenburgischen Landeszentrale für politische Bildung ist aber eines ganz besonders wichtig. Wir kämpfen seit dreißig Jahren jeden Tag um Ihr Vertrauen. Wir kämpfen darum, dass Sie uns nicht als „Staatsbürgerkundeunterricht mit anderen Vorzeichen“ betrachten. Nicht als verlängerten Arm von wem auch immer.
Die Lust an der Kontroverse, die Lust an Perspektivenvielfalt, der Respekt vor Ihnen und Ihrer ganz individuellen Position ist mir und meinen Kolleginnen sehr wichtig. Es gibt nicht nur Befürworter der jetzigen Politik oder "Spinner" und "Idioten". Wenn man an Maßnahmen der Regierung Kritik übt, ist man nicht gleich eine Aluhutträgerin, ein Ewiggestriger oder unzurechnungsfähig. Und auch die, die sich an die Regeln halten oder sehr ängstlich sind, weil sie etwa Menschen kennen, die mit dem Virus kämpfen, sind nicht alles Duckmäuser, Staatshörige oder denunzieren ihre Nachbarn.
Die derzeitige Verengung der Debatte erfüllt mich ganz persönlich mit großer Sorge. Ich ärgere mich, wenn ich in welchem Medium auch immer, von der Spaltung der Gesellschaft lese. In einer offenen Gesellschaft, die um Werte und Regeln ringt, sind unterschiedliche Sichten auf den gleichen Gegenstand auch immer lebensnotwendig. Sie sind das Salz in der Suppe der Demokratie.
Unsere Angebote werden auch zukünftig bunt, vielfältig und streitbar sein. Wir freuen uns auf Sie, als mündiger Bürger, als streitbare Bürgerin. Beteiligen Sie sich weiter an der Debatte, ob am Telefon, beim (immer noch eingeschränkten) Besuch in unserem Haus, per Post, per Mail oder in den sozialen Netzwerken. Danke für das große Echo, was wir durch Sie täglich erfahren. Bleiben Sie gesund, streitbar und uns gewogen!
Ihre Martina Weyrauch

Dr. Martina Weyrauch, vom 19.10.2000 bis zum 31.01.2025 Leiterin der Landeszentrale, ist Großmutter einer aufgeweckten Enkelin, engagiert sich in ihrer Kirchengemeinde und unterstützt Flüchtlingsinitiativen. Sie fühlt sich geehrt, wenn Bürgerinnen und Bürger anrufen und sie um ihren Rat fragen.
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