Hier auf unserem Gut in Bornstedt bin ich geboren, hier lebte ich auch 1944 zusammen mit meinen beiden Schwestern bei den Eltern. Wir haben hart gearbeitet, denn von den vielen Angestellten waren nur noch wenige da, die meisten wurden Soldaten und waren an der Front.
Der Verlobte meiner jüngeren Schwester Ursula war gefallen, der Mann meiner älteren Schwester Elisabeth auch. Mein Mann war bei einer Propagandakompanie in Lothringen, dort kam er 1944 in amerikanische Gefangenschaft.
Davon erfuhr ich genau an dem Tag, als ich Wolfgang geboren habe, den Sohn, den sich alle so sehr wünschten. Mein Vater war sehr stolz. Am 18. November 1944 hat mein Mann noch das Telegramm bekommen, dass ein gesunder Junge geboren ist und er hat mir einen sehr lieben Brief geschrieben. Ich las den Brief und weinte, als ob ich ahnte, dass wir uns lange nicht wiedersehen würden.
1945 waren die Männer an der Front, also haben wir alles selbst gemacht. Ich fuhr mit unserem kleinen Laster täglich morgens um 5 Uhr nach Berlin in die Markthalle und habe für das Lazarett und die Krankenhäuser eingekauft. Wir mussten den Betrieb aufrechterhalten und hatten keine Zeit darüber nachzudenken, was kommen wird. Man hat versucht, den Tag durchzustehen. Eigentlich lebten wir nur noch von Tag zu Tag.
Der große Zweifel, ob dieser Krieg gewonnen werden kann, fing bei uns mit dem 20. Juli 1944 an. Nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler ahnten wir es und als ab Herbst die Flüchtlinge kamen, war uns klar, dass der Krieg verloren ist. An eine Wunderwaffe glaubte bei uns niemand.
Lange hatten wir gehofft, dass Potsdam von den Amerikaner besetzt wird – spätestens nach dem Angriff am 14. April 1945 wussten wir aber, dass die Russen kommen werden.
Schon während der Zeit der großen Bombenangriffe auf Berlin gingen wir jede Nacht bei Alarm in unseren Keller, zusammen mit den vielen Flüchtlingen, die bei uns wohnten.
Klein Wolfgang war vier Monate alt, er lag in einer Wiege mit zwei Griffen, da konnte ich das Bettchen schnell herausnehmen und mit ihm in den Keller gehen. Nur meine ältere Schwester – die hübscheste von uns und die intelligenteste – ging nie in den Keller, sie blieb immer in der Wohnung, denn nach dem Tod ihres Mannes war ihr alles egal.
Niemand rechnete mehr damit, dass auch Potsdam angegriffen werden könnte. Ich erinnere mich noch genau, wir blieben in dieser Nacht nicht lange im Keller, sondern standen auf unserem Hof, die Flieger dröhnten über uns hinweg, und wir sahen den Feuerschein über Potsdam. Lange standen wir und haben fassungslos gesehen, wie unsere Heimatstadt zerstört wurde. In dieser Nacht beschlossen wir zu fliehen.
Zwei Tage nach dem Angriff bin ich nach Potsdam geradelt. Nie werde ich das vergessen: Ich fuhr in die Stadt hinein und dann sah ich es, mein geliebtes Potsdam – rauchend, schwarz, kaputt. Und es fing an zu regnen und ich heulte und der Regen lief mir übers Gesicht und meine Tränen auch.
Ich musste vom Fahrrad absteigen und mich erst beruhigen. Das Wehrmachtskommando war in der Schlossstraße, daneben war eine bekannte Bäckerei und das berühmte Hotel Einsiedel, alles war zerstört.
Ich bahnte mir einen Weg durch die Soldaten ins Büro, und sagte, dass ich eine Bescheinigung für meinen Wagen haben möchte, weil ich Verwundete und Kinder aus der Stadt bringen wollte.
Der Soldat sah mich an, schüttelte den Kopf und fing auf einmal an zu lachen wie ein Verrückter. „Wissen Sie denn nicht, dass nach dem Angriff jeder, der krauchen kann die Stadt verläßt? Und sie wollen eine Genehmigung für Ihr Auto haben? Sie machen schlechte Witze! Hauen Sie ab, so schnell als möglich!“ Es galt nur noch die Devise „Rette sich wer kann“.
Am nächsten Tag fuhren wir auch ohne Passierschein los. Meine jüngere Schwester fuhr den Privatwagen und mit ihr zwei schwer verletzte Offiziere aus dem Lazarett, die ihre Einheit in der Nähe von Hamburg hatten.
Neben ihr saß eine Freundin, deren Mann auch gefallen war. Ich fuhr den Laster, meine Schwägerin saß neben mir mit Wölfchen auf dem Schoß; hinten eine Frau mit drei Kindern und noch zwei Damen und eine Freundin. Wir nahmen zwei Fahrräder mit und meine Mutter gab uns Schinken, Würste und Schmalz mit, alles, was sie entbehren konnte.
Meine ältere Schwester wollte nicht fliehen, sie fand ihr Leben nicht mehr lebenswert, seit ihr Mann tot war. Sie blieb bei den Eltern. Sicher, der Abschied war traurig, aber wir waren preußisch erzogen, da jammert man nicht. Auch waren wir jung und zielstrebig und wollten es schaffen. An die Gefahren haben wir nicht gedacht.
Die Angst kam erst auf der Flucht. Unterwegs beschossen uns Tiefflieger, wir lagen nur noch in den Straßengräben und hatten Glück, dass keiner von uns getroffen wurde.
Als wir Richtung Elbe fuhren, kamen uns unendliche Flüchtlingsströme entgegen. Mit ihrem wenigen Hab und Gut, grau und mit leerem Blick waren sie ein Bild des schrecklichsten Elends.
Bei Oldenburg dann wollte ein Offizier der Wehrmacht unseren Lastwagen haben – wer weiß, vielleicht wollte er damit noch den Krieg gewinnen – und ich habe mich furchtbar aufgeregt und fast einen Herzanfall bekommen.
Zum Glück hatten wir noch die Fahrräder und den kleinen Wagen, so sind wir bis nach Hamburg zu den Verwandten gekommen. Dort haben wir das Kriegsende erlebt, es war eine Riesenerleichterung, dass nun endlich alles vorbei war.
Ich hoffte natürlich, meinen Mann bald wiederzusehen. Es hat ein Jahr gedauert, bis er aus der Gefangenschaft kam. Meine Suchkarte vom Roten Kreuz hat er genau an dem Tag bekommen, als er nach Potsdam entlassen wurde. Dort wollte er seine Eltern wiedersehen, einen Tag bleiben und dann zu uns nach Hamburg kommen.
1946 gab es schon das Abkommen zwischen den Besatzungsmächten, wer einmal entlassen wurde, der durfte nicht in einer anderen Zone erneut verhaftet werden. Aber die Russen haben sich nicht daran gehalten. Vielleicht ist mein Mann auch verpfiffen worden, denn genau einen Tag nach seiner Entlassung ist er hier in Potsdam von den Russen wieder verhaftet worden.
Als ich davon hörte, bin ich mit Wolfgang im Juni über die sogenannte Grüne Grenze auf abenteuerlichen Wegen zurück nach Potsdam gegangen. Hier erfuhr ich auch, wie es meiner Schwester ergangen war. Bei den Nazis war sie „Jungmädelführerin“ gewesen und sehr beliebt, aber sie war keine Kriegsverbrecherin.
Zuerst hatte sie sich bei Nachbarn auf dem Oberboden versteckt, wahrscheinlich wurde sie verraten, denn die Russen fanden sie dort und vergewaltigten sie, mehrmals. Dann kam sie nach Eiche und wurde jede Nacht verhört. Sie sollte die Namen von Nazis nennen. Das ging zwei Wochen so, dann wurde sie entlassen.
Aber täglich kam ein Jeep und man verhörte sie weiter und drohte ihr, dass die Eltern verhaftet werden, wenn sie abhauen würde. Das wurde erst besser, als wir die Einquartierung bekamen.
Ein hoher russischer Offizier aus Riga wohnte mit seiner Freundin bei uns. Der hat meine Eltern sehr geschützt und meine Schwester ist dann in den Westen geflohen.
Auf meinen Mann habe ich noch Jahre warten müssen. Nach seiner Verhaftung kam er erst in die Lindenstraße und wurde drei Wochen täglich verhört, denn man glaubte, er wäre ein amerikanischer Spion. Verurteilt wurde er von Hilde Benjamin, der „Roten Hilde“, wegen Propaganda für die Nazis zu 15 Jahren; das hieß auch15 Jahre Berufsverbot und Ehrverlust.
Er kam nach Jamlitz und Buchenwald, zuletzt auch nach Waldheim. Entlassen wurde mein Mann im November 1952 und erst dann hat er seinen Sohn kennengelernt – Wolfgang war acht Jahre alt, als er seinen Vater zum ersten Mal sah.
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