Im April 1945 hatte ich eine Ausbildung zum Nachrichtenhelfer und wurde auf den Fronteinsatz vorbereitet. Wir hatten einen Intensivlehrgang mit Jungbann 374 in der Spandauer Straße (heute Friedrich-Ebert-Straße). Ein Kriegsversehrter bildete uns aus. Den Bombenangriff erlebten wir in dem Keller des Jungbanns, der gleichzeitig ein öffentlicher Luftschutzraum war. Viele meiner Klassenkameraden mussten noch zum Volkssturm, einige sind dabei in den letzten Kriegstagen umgekommen. Eigentlich rettete mir der Bombenangriff auf Potsdam das Leben.
Was ich in der Nacht vom 14. zum 15. April 1945 erlebte, habe ich in meinem Tagebuch festgehalten, denn unmittelbar nach dem Bombenangriff hatten wir unseren ersten, echten Einsatz als Nachrichtenhelfer.
„.... Wir ziehen uns alle gut an und dann geht es zur Kreisleitung. Wir kommen auf die Straße, die Einfahrt ist ein einziges Flammenmeer. Hin und wieder hört man Detonationen. Es weht ein eisiger Wind. Der Himmel ist klar und man sieht nur einige Scheinwerfer, die dort ihr Spiel treiben. Wir kommen der Innenstadt näher, Straßenbahnleitungen hängen dicht über der Erde, die Straße liegt voller Scherben und Dachziegel.
Ein gewaltiger Funkenregen braust über unsere Köpfe hinweg. Die Straßen sind voller Menschen, einige vernageln schon ihre Schaufensterscheiben, andere ziehen mit ihrer letzten Habe durch die Straße, andere wieder helfen löschen, auch bergen. Auch die Feuerwehr hat sich eingefunden und beginnt ihre meist erfolglose Arbeit. Wir sind inzwischen bis zur Kreisleitung am Wilhelmplatz angelangt, dort wird uns gesagt, dass wir eine Leitung von der Kreisleitung bis zum Polizeipräsidium legen sollen. Jetzt wieder zurück zum Bann 374 (Gliederungsbereich innerhalb des Jungvolks und der Hitlerjugend). Während die Jüngeren von uns die Luftschutzbetten aus unseren Stuben in den Keller trugen, dort sollte nämlich ein Auffanglager für Bombengeschädigte sein, machten wir unser Gerät klar zum Einsatz. Wir ziehen nun los, einige waren schon getürmt, aber für mich war ein Nachhausekommen unmöglich. Die Fähre fuhr nicht und durch die Stadt kam ich nicht.
Wir kommen durch das Nauener Tor. Dort empfängt uns schon ein furchtbarer Funkenflug, das Feuer hatte in der verhältnismäßig kurzen Zeit schon sehr um sich gegriffen, so dass wir Mühe hatten, an manchen Stellen überhaupt durchzukommen. Das Gesicht brannte wie Feuer und man konnte die Augen vor Rauch und Qualm kaum aufmachen. Endlich sind wir auf dem Wilhelmplatz angelangt. Wir stellen unser Gerät ab und warten auf den Einsatzbefehl. Es erscheint uns unmöglich, der ganze Wilhelmplatz und dessen Umgebung ist ein Flammenmeer, nur die Seite wo die Kreisleitung (der NSDAP) ist, ist noch verschont geblieben. Es wird trotzdem versucht.
Der Gefolgschaftsführer sucht die Kräftigsten aus und dann ziehen sie los. Ich musste auf der Endstelle auf dem Wilhelmplatz bleiben. Ich habe mir eine Matratze ausgesucht und sie mir als Schutz hinter meinen Rücken gestellt. Alle Augenblicke steht sie in hellen Flammen. Ich konnte mich gar nicht mehr retten. Die Augen aufzumachen, war fast unmöglich. Inzwischen wurde es auf dem Wilhelmplatz lebendig. Immer mehr Menschen fanden sich ein mit ihrem letzten Hab und Gut.
Wir kommen in die Luisenstraße ... Es war inzwischen schon hell geworden. Wir standen dort unten am Wasser in der Nähe des Hauses und sahen gerade, wie der brennende Turm der Garnisonkirche in sich zusammenbrach. Ein schauriger Anblick. Dann zogen wir weiter die Luisenstraße lang.
Dann kamen wir an einen Bombentrichter, der genau mitten auf der Luisenstraße war, vorbei. Ein unheimliches Leben auf der Straße. Mächtige Menschenmassen wälzten sich hier entlang, wir wollten in den Kiwitt einbiegen, als man uns sagte, dass es hier abgesperrt sei wegen Blindgänger. ....
Es ist vollkommen windstill. Es ist eine richtige Erholung, wieder einmal frische Luft zu atmen. Über der Stadt liegt ein riesiger Schleier voll Rauch, das Wasser ist eine einzige Drecklache. Hier schwimmen tote Fische, dort sogar eine Wildente, ja, es kommen sogar die ersten verkohlten Balken stromabwärts geschwommen... “
Nach diesem Einsatz bin ich nicht mehr zur Ausbildung gegangen. Ich war froh, dass meiner Mutter und meiner Schwester nichts passiert war und unser Haus noch stand. Wir hatten großes Glück, denn vor unserem Wohnhaus war ein Bombentrichter, in dem eine 5-Zentner-Bombe lag, die nicht gezündet hatte. Die wurde am nächsten Tag von Sträflingen ausgegraben und der Zünder herausgeschraubt. Kurz bevor dann die Russen nach Potsdam kamen, holten Volkssturm-Männer die Bombe ab. Sie verluden sie auf einen Handwagen, fuhren damit zur Kleinen Brücke über dem Judengraben und sprengten die Brücke.
In den letzten Tagen des Krieges wurden in unserem Garten Gräben für den Kampf um Potsdam ausgehoben. Deshalb wurden wir nach Geltow evakuiert. Ich wollte aber in Potsdam bleiben und kam wieder zurück. Mit einem Boot setze ich vom Kiwitt zur Insel Hermannswerder über. Dort habe ich zusammen mit anderen das Kriegsende erlebt.
Nie werde ich vergessen, wie in den frühen Morgenstunden Ende April ein amerikanisches Amphibienfahrzeug auf die Insel kam – und ein weiblicher russischer Offizier herauskletterte. Wahrscheinlich war das eine Ärztin und suchte das Lazarett. Uns passierte nichts und das Fahrzeug verschwand wieder.
Dass der Krieg verloren war, hat mich nicht weiter überrascht, denn ich sammelte Flugblätter, die von den Alliierten über Potsdam abgeworfen wurden. Das erste hab ich im Sommer 1943 gefunden. Als Pimpfe hatten wir den Auftrag, alle Flugblätter einzusammeln und abzugeben. Das habe ich auch gemacht.
Aber einige der Flugblätter habe ich gelesen und aufgehoben. Davon durfte natürlich niemand etwas wissen, es war lebensgefährlich. Meine Mutter hat vielleicht etwas geahnt, denn sie sagte mal zu mir: „Dich werden sie eines Tages einsperren.“ Angst hatte ich damals nicht, erst heute, wenn ich daran denke wie nah wir oft dem Tod waren.
Am schlimmsten war der Hunger. Eigentlich waren wir alle nur noch damit beschäftigt, irgend etwas Essbares aufzutreiben. Manchmal hatten wir Glück. Die Konservenfabrik Zinnert war abgebrannt. Dadurch war der Zucker karamellisiert und in dem Trümmerfeld der Fabrik hatten sich Pfützen mit Zuckersirup gebildet. Den kratzen wir mit Schöpfkellen heraus und haben davon eine Weile gelebt.
Ich erinnere mich auch, dass ich nach dem Bombenangriff zur Havelbucht ging und eimerweise tote Fische herausholte. Später haben wir auch Kartoffelschalen gegessen. Ganz langsam normalisierte sich das Leben.
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