
Es sprachen:
Dr. Hinrich Enderlein, Vorsitzender des Brandenburgischen Kulturbunds e.V.,
Martina Schellhorn, Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung
Mit der Toncollage „Heimatklänge“ stellte Peter Gotthardt seine musikalische Interpretation von Heimat vor und brachte sie zur Uraufführung.
Für den in Luckenwalde geborenen Hinrich Enderlein war die Berufung zum Minister für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg (1990- 94) gleichzeitig eine Rückkehr in seine Heimat. Über diese Erfahrungen und die Bedeutung von Heimat sprach der jetzige Vorsitzende des Brandenburgischen Kulturbundes zur Ausstellungseröffnung.
Von Martina Schellhorn stammen Idee und Konzept der Ausstellung. Sie stellte die Künstler vor und informierte über den Werdegang der „Heimat-Bilder“.
HEIMAT-BILDER – eine Betrachtung zur Ausstellungseröffnung
In den vielen geführten Gesprächen und dem häufige Gedankenaustausch mit den Künstlern zur Vorbereitung der Ausstellung haben sich immer wieder neue und faszinierende Blickwinkel ergeben, die zu einem Ergebnis führten, das in seiner Mehrdeutigkeit der Eindeutigkeit weit überlegen ist.Dabei scheint doch die Antwort auf die Frage „Was ist Heimat?“ so einfach und vor allem eindeutig zu sein. Für die meisten von uns bedeutet Heimat Kindheit. Auch für Björn Gripinski lag es nahe, auf Spurensuche in seine Kindheit zu gehen. Seine Heimreise war zugleich eine Reise zu den Wurzeln und die liegen bei Björn Gripinski in der DDR, in Magdeburg.
Die erste Fotografie dieser Annäherung zeigt am Horizont eine Häuserkette: Unter einem tiefen Himmel, der wie grau aquarelliert erscheint, begegnen sich hier die alte und die neue Zeit: Die Plattenbauten der DDR und die hübschen Reihenhaussiedlungen der gesamtdeutschen Bundesrepublik.
Zehn Jahre war Björn Gripinski nicht dort, und der Betrachter meint, das zögernde Herantasten zu spüren. Das Pony – eine kleine Plastik als „Kunst am Bau“ – steht immer noch da. Früher hat jedes Kind darauf reiten wollen, heute fehlen die Kinder – nicht nur auf diesem Bild. Und der Junge von damals sucht die Kinder von heute und findet sie endlich auch: Spielend vor den Garagen, die auch damals gebaut wurden. Natürlich drängt sich bei dieser Fotografie die Frage auf: Werden sich diese Kinder, wenn sie eines Tages nach Heimat gefragt werden, auch an Plattenbauten erinnern?
Denn Behausungen haben viel mit Heimat zu tun – das begreift man bei diesen Fotografien, die auch Verstecke, Nester, Röhren, Baracken zeigen. Auch in den Arbeiten von Patrick Weiss und Stefan Lierse werden wir den verschiedensten Behausungen begegnen.
Über der Heimreise von Björn Gripinski liegt eine poetische Melancholie, und das liegt nicht an der Jahreszeit oder am Wetter. Nein, es ist die Melancholie, die einhergeht mit dem Verlust – dem Abschied von Kindheit und dem Verlust von Heimat. Und die „Poesie“ wird man? Kann es poetische Plattenbauten geben? Ich glaube: Ja! Wenn sie für Heimat stehen, findet man auch in der „Platte“ viel Poesie!
Ein anderes Heimat-Bild ist vielleicht als solches nicht so schnell zu identifizieren: Hier hat Björn Gripinski den größten Sprung gemacht: vom ersten Ort – dem Ort der Kindheit – zum letzten Ort, dem Friedhof. Dieser letzte Ort ist nicht leicht zu erkennen. Es ist die Stelle, wo die steinernen Spuren der beräumten Gräber zu finden sind.
Was für ein bürokratischer Ausdruck für die Aufhebung der „letzten Ruhe“! Beräumung. Das heißt: Wenn nicht mehr gezahlt wird, verschwindet auch dieser letzte Ort und die Frage nach Heimat muss neu gestellt werden.
Eine Fotografie fällt besonders ins Auge: Sie ist auf den ersten Blick von durchsichtiger Klarheit – auf den zweiten aber voller verwirrender Gegensätze: Die Silhouette eines Baumes, wie von Caspar-David Friedrich gezeichnet, will in die Romantik ent-führen – doch der harte Kontrast der daneben stehenden Häuser verhindert es.
Wir sehen Vorderhaus und Quergebäude, der Seitenflügel fehlt. Er fehlt seit 60 Jahren und längst sind die Brandmauern verputzt. Die Fenster, die hineingeschlagen worden sind, wirken auf dieser großen Fläche dennoch seltsam verloren. Ein schmaler Spalt lässt den Betrachter hineinsehen in den vormaligen Hinterhof. Vorderhaus, Hinterhaus, Seitenflügel bekommen eine neue Bedeutung. Licht fällt hinein und die Bewohner können mehr sehen als nur den Hinterhof.
Genau diese Situation hat Björn Gripinski in Berlin entdeckt, es gibt sie tausendfach in Deutschland, auch in seiner Heimatstadt Magdeburg. Und dort ist der Ausgangspunkt: Als kleiner Junge besuchte er seine Großeltern, die auch in so einem Rest-Haus wohnten, der schmale Spalt war der Blick in die Welt. Als er dieses Motiv in Berlin entdeckte und fotografierte, erinnerte er sich auch an diese kleine Geschichte und die Abbildung wurde zum Heimat-Bild.
So sind alle Fotografien von Björn Gripinski voller Anspielungen und Entdeckungen. Dabei ist nicht wichtig, ob man seine Geschichte findet. Wichtig ist, dass diese Hei-mat-Bilder in uns etwas zum Klingen bringen und eigene Bilder entstehen lassen.
Ganz anders ist Patrick Weiss zu seinen Heimat-Bildern gelangt: An die Orte seiner Kindheit ist er nicht gegangen. Nein, er findet Heimat in der Gegenwart, hier in Potsdam und in Brandenburg und damit in seiner neuen Heimat.
Auch bei ihm spielen Häuser eine große Rolle, auch Menschen, Familien und manchmal sogar Lego-Figuren. Doch Vorsicht ist geboten! Gerade wenn man die hübschen gelben Häuschen mit den fröhlichen roten Dächern lieb gewinnt, wie sie da ordentlich in Reih und Glied stehen, zerstört Patrick Weiss voller Freude die Idylle.
Nein, der Kuschelfaktor wird in seinen Bildern ganz und gar nicht gepflegt! Der Sonnenaufgang mutiert hier unversehens zum Untergang des Einkaufsparadieses – oder ist es doch die ewige Sonne des Kaufrausches? Man fragt sich: Das also bedeutet „Heimat“ für Patrick Weiss? Ich glaube, erst die Gegenbilder dieser Bilder führen uns zu seinen wirklichen Heimat-Bildern. Erst wenn Schicht für Schicht abgetragen wird, wenn also die Oberfläche verschwindet, die hier Oberflächlichkeit meint, wird Heimat sichtbar.
Ein Detail möchte ich in den Fokus der genaueren Betrachtung rücken, denn Heimat bedeutet auch Geruch. Und das Geruchs- und Geschmacksgedächtnis ist ein sehr zuverlässig funktionierendes Gedächtnis. Die legendären Madeleines von Marcel Proust sind das literarische Beispiel dafür, dass der Genuss eines Gebäckstückes eine Kette wunderbarer Erinnerungen auslösen kann, die zu Kindheit und Heimat führt.
Wenden wir uns dem fröhlichen Familienausflug bei Mc-Donalds zu, so kommt mir der Gedanke, ob nicht eines Tages der Duft von frisch frittierten Pommes zusammen mit dem zarten Geruch eines von Fett durchweichten Pappbechers ähnliche und durchaus glückliche Erinnerungen auslösen an eine Kindheit in den 90er Jahren ...
Was Patrick Weiss nicht ohne ironischen Unterton beobachtet und gemalt hat, könnte so ganz unversehens zu einem Bild des Heimwehs von übermorgen werden!
Am radikalsten aber hat sich Stefan Lierse in die Auseinandersetzung mit Heimat begeben. In seinen Zeichnungen verlässt er den konkreten Ort und keine Person ist auf den ersten Blick zu identifizieren.
Figuren, Häusern und Tieren wird der Boden entzogen, Zeit und Raum scheinen sich aufzulösen, alles verharrt in einem permanenten Schwebezustand. Beharrlich widersetzen sich seine Bilder der schnellen Deutung und Erklärung und das finde ich ganz wunderbar.
Präzise gezeichnet und in der Detailgenauigkeit verblüffend, gilt die Konzentration von Stefan Lierse dem Ausschnitt, dem einen Motiv, das er hervorhebt. Er spielt mit Symbolen und Klischees, mit Bildern und Erinnerungen – so präzise wie nötig, und so vieldeutig wie möglich. Es ist das Spiel der Möglichkeiten und diese Blätter lassen viel Platz und Raum dafür. Erst unsere Phantasie, die sich aus Erfahrung speist, vollendet seine Heimat-Bilder.
Da gibt es den Traktor, der seine Furchen zieht oder den Bauern mit der Schubkarre – man riecht und fühlt die heimatliche Erde. Da ist ein Schiff, das sich einer Stadt nähert – könnte es nicht Auswanderer in die neue Heimat gebracht haben? Oder ist es der vertraute Dampfer auf der Elbe? Sehen wir auf einem anderen Blatt Men-schen auf der Flucht? Retten sie ihr Hab und Gut, sind es Vertriebene, Gestrandete oder Flüchtlinge?
Es finden sich auch Spuren in die Vergangenheit. Spuren, die in die DDR weisen, ebenso in die Sowjetunion. Sind auch dies Erinnerungen an Heimat? Stefan Lierse sagt, dass man die DDR nicht loswird, auch wenn sie als Staat nicht mehr existiert – Heimat bleibt sie doch.
Manchmal schleicht sich eine Spur von Wehmut in die fast skizzenhaften Möglichkeiten, aber immer behält das Staunen und die Freude an der Entdeckung die Oberhand. Wir fühlen uns ertappt und verstanden. Das, was so federleicht auf den Blättern von Stefan Lierse daherkommt, wirft den Anker in unser Bewusstsein, gräbt sich hinein, sucht und findet das, was auch wir mit Heimat verbinden.
Martina Schellhorn
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