Eröffnungsrede zur Ausstellung

Dr. Anke Silomon, Historikerin

Das Thema Wohneigentum in Brandenburg ist aus vielen Gründen wichtig: Es bietet die Gelegenheit, auf die Geschichte zu schauen, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Und es ist brandaktuell und impulsgebend für notwendige weiterführende Debatten über das Recht auf Wohnen überhaupt, über die Gesellschaft und den sozialen Zusammenhalt, über Politik und Demokratie. Ein Brandenburger Thema, das zugleich über Brandenburg hinaus von Relevanz ist, ein zentrales Thema der politischen Bildung und vielleicht sogar der Herzensbildung.

Dr. Anke Silomon
© fbn

Sehr verehrte Anwesende, liebes Landeszentralen-Team,

es ist immer ein besonderer Moment, wenn das Ergebnis intensiver Arbeit im wahrsten Sinne des Wortes sichtbar wird. Hier hängt sie oder, gefälliger ausgedrückt, hier ist sie nun, unsere Ausstellung „Haus ohne Grund. Wohneigentum in Brandenburg“. Nomen est omen im doppelten Wortsinn. Denn in der ehemaligen DDR war es häufig so, dass nur das Haus, nicht aber der zugehörige Grund und Boden gekauft werden konnte. Zweitens war nach der Friedlichen Revolution – die niemand voraussehen konnte – oder spätestens nach der rasant vollzogenen deutsch-deutschen Vereinigung das jahrzehntelang gehegte Zuhause in Gefahr.

In der Ausstellung "Haus ohne Grund"
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Nun meldeten Alteigentümer*innen Ansprüche an, ihr enteignetes oder zurückgelassenes Haus wieder zurückzufordern. Bei diesen Alteigentümer*innen handelte es sich keineswegs nur um die Menschen, die die DDR verlassen hatten oder verlassen mussten. Manche Ansprüche reichten zurück bis in die Zeit des Nationalsozialismus, manche in die Nachkriegszeit vor Gründung der DDR, in der Ostdeutschland zur SBZ, der Sowjetisch Besetzten Zone, gehörte.

Das Thema Wohneigentum in Brandenburg ist also aus vielen Gründen wichtig: Es bietet die Gelegenheit, auf die Geschichte zu schauen, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Und es ist brandaktuell und impulsgebend für notwendige weiterführende Debatten über das Recht auf Wohnen überhaupt, über die Gesellschaft und den sozialen Zusammenhalt, über Politik und Demokratie.

Ein Brandenburger Thema, das zugleich über Brandenburg hinaus von Relevanz ist, ein zentrales Thema der politischen Bildung und vielleicht sogar – ich verwende dieses Wort ganz bewusst – der Herzensbildung.

Damit habe ich das Ziel dieser Ausstellung bereits umrissen. Es geht um Aneignung und Verlust von Wohneigentum seit dem Nationalsozialismus bis zum Ende der DDR. Es geht um Rückübertragung und Entschädigung nach der deutsch-deutschen Vereinigung und es geht vor allem um die Menschen, die davon betroffen waren.

Haus ohne Grund
Haus ohne Grund

Wohneigentum in Brandenburg

Ausstellung in der Landeszentrale
 

Was zeigt die Ausstellung, um dieses Ziel zu erreichen?

Die Ausstellung ist in zwei Teile gegliedert, die aufeinander aufbauen.

Im ersten Teil der Ausstellung werden die Besucher*innen mit grundlegenden Informationen versorgt, die sie befähigen, die Geschichte von Wohneigentum in Brandenburg mitzuvollziehen und zu verstehen:

Dr. Anke Silomon
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Was bedeuten Grundbesitz und Wohneigentum, was ist der Unterschied zwischen Eigentümer*in und Besitzer*in, welche Rolle kommt dem Grundbuch zu, welche gesetzlichen Regelungen und Rechte gab es und wie wurden diese im deutsch-deutschen Vereinigungsprozess angepasst?

Im zweiten Teil werden Beispiele aus Brandenburg gezeigt, die die Informationen im wahrsten Sinne des Wortes illustrieren, plastisch machen und dazu befähigen, die geschichtliche Entwicklung zu verstehen, darüber nachzudenken und in die Zukunft weiterzudenken:

Beleuchtet werden unterschiedliche Fälle aus Kleinmachnow an der Grenze zu West-Berlin, das auf eine lange Geschichte von Enteignungen zurückblickt.

Ein Beispiel für die Folgen der Bodenreform in der Sowjetisch Besetzten Zone, also vor Gründung der DDR, ist Friedersdorf bei Seelow.

Was die Errichtung der Grenze zwischen den beiden deutschen Staaten im Jahr 1961 für die Bewohner*innen der Grenzgebiete bedeutete, lässt sich an den Umsiedlungen in Lenzen an der Elbe sehen.

Der Tagebau führte vor allem in der Lausitz zu wirtschaftlichen Enteignungen und Umsiedlungen, gegen die sich manche Betroffene zu wehren versuchten.

Ein Beispiel für die sich aufgrund des Modrow-Gesetzes im Jahr 1990 für nur kurze Zeit bietende Möglichkeit, Grundstücke zu erwerben, ist Rheinsberg im Landkreis Ostprignitz-Ruppin.

Wir zeigen in dieser Ausstellung viele Beispiele für unterschiedliche Formen der Aneignung und die Gründe des Verlusts von Wohneigentum in wechselnden politischen Systemen, von der NS-Zeit bis zur deutschen Vereinigung.

Die Besucher*innen dieser Ausstellung können sich im kommenden halben Jahr über die Geschichte von Wohneigentum in Brandenburg informieren. Sie werden aber auch angeregt und befähigt, über diese in gewisser Weise privilegierte Form des Wohnens – im eigenen Heim – nach- und hinauszudenken.

Ein Dach über dem Kopf ist den meisten Menschen wichtig.

Die große Bedeutung eines eigenen Zuhauses ist unbestreitbar. Eine Wohnung oder ein Haus bietet Sicherheit, es ist ein Rückzugsort, der so gestaltet werden kann, dass man sich wohlfühlt.

Das Recht auf Wohnen – nicht auf Wohneigentum natürlich – ist in der Erklärung der Menschenrechte von 1948 verankert. Das Recht auf Wohnen ist ein Menschenrecht der sogenannten zweiten Generation, es gehört nicht zu den im Grundgesetz festgeschriebenen Grundrechten.

Dr. Anke Silomon
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Nicht jeder Mensch hat ein Dach über dem Kopf. Auch heute müssen Menschen befürchten, ihr Zuhause zu verlieren oder aufgeben zu müssen, weil sie sich zum Beispiel die Kosten nicht mehr leisten können. Oder sie müssen fliehen aus ihrer Heimat, vor Krieg, Verfolgung und Unterdrückung.

Anfang September dieses Jahres lud der Bundespräsident, Frank-Walter Steinmeier, alle Kinder und Jugendlichen zur Teilnahme am 28. Geschichtswettbewerb ein.

Das neue Thema lautet: „Mehr als ein Dach über dem Kopf. Wohnen hat Geschichte“.

Ein Zuhause ist mehr als ein Dach über dem Kopf. Und Wohnen hat nicht nur eine Geschichte, sondern sollte auch eine Zukunft haben, für alle.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und wünsche Ihnen einen interessanten und anregenden Rundgang durch diese Ausstellung.

Dr. Anke Silomon, 19. Oktober 2022

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